Der/die/das Les*er_In? Von der Kunst, Alle zu benennen

Liebe Leser/-innen,

laut Duden, Regel 156, Ziffer 1, ist diese Ansprache korrekt. Ich treffe sie allerdings nicht mehr so oft an. Das hat wohl auch seinen Grund: Besonders in der Einzahl, geschätzte/-r Leser/-in, unterbricht der Schrägstrich den Lesefluss. Gleichstellungsfachleute stören sich zudem daran, dass die weibliche Form nur als Anhängsel („-innen“) des Maskulinums („Leser“) auftritt. Jener Form also, die zwar theoretisch alle Menschen einschliessen sollte (als sog. „generisches Maskulinum“), aber eben auch für die Männer unter den Lesenden steht. Diese Doppelfunktion führt dazu, dass Männer immer explizit angesprochen sind, Frauen dagegen tendenziell unsichtbar bleiben. Und deshalb gibt es die geschlechtergerechte Sprache – oder besser: den Versuch dazu. Denn, liebe Leser(innen), die verschiedenen Varianten haben ihre Tücken (z.B., dass sie die Frauen mittels Klammer in die Nebensächlichkeit verdammen, was jetzt wiederum nicht in Klammern stehen sollte, weil es ganz und gar nicht nebensächlich ist). Mit dem Binnen-I, liebe LeserInnen, wurde eine Lösung eingeführt, die sich lange grosser Beliebtheit erfreute. Sie ist relativ lesefreundlich, packt alle Beteiligten in einen Begriff und hebt die Frauen ausdrücklich hervor. Da die weibliche Form nur einen klein geschriebenen Buchstaben entfernt liegt, reduziert sich der Anstrich eines Anhängsels deutlich. Ja, diesmal liesse sich sogar sagen: Nur das grosse I verhindert, dass die Männer unsichtbar werden. Leider fand auch das Binnen-I vor allem in der Stilecke nicht nur FreundInnen, und es scheitert, wie Sie gerade gesehen haben, oft an der Mehrzahl. Dann nämlich, wenn ohne das „Innen“ nicht die korrekte männliche Form übrig bleibt (in diesem Fall „Freund“ statt „Freunde“). Probleme mit der Mehrzahl der Freunde und Freundinnen ergeben sich ebenso beim Schrägstrich und bei der Klammer. Auch der Kasus des/der Lesers/Leserin (oder etwa de/-s/-r Leser/-s/-in?) ist nicht ohne. Bleibt mir also nur noch, liebe Leserinnen und Leser, jeweils Männer und Frauen getrennt zu adressieren?

Jenseits von Leserinnen und Lesern

Streng genommen stehen die Leserinnen auch nicht besser da, wenn ich sie als solche anspreche, denn sie bleiben Anhängsel des männlichen Wortstamms, des „Lesers“. Daraus spricht ein altes Postulat der feministischen Kritik, wonach der Mann als Norm und die Frau als deren Abweichung konstruiert werde. Ein Ausweg bietet sich noch an, liebe Lesende: geschlechtsneutrale Formen! Doch nicht immer stehen dafür Begriffe wie die eingangs erwähnten „Gleichstellungsfachleute“ bereit: All die „Lernenden“, „Helfenden“ und „Teilnehmenden“ erwecken – so die Kritik – den Eindruck, als wären sie immerzu mit der sie beschreibenden Tätigkeit beschäftigt, weil es sich um substantivierte Verbformen handelt. Letztlich setzt sich geschlechtsneutrale Sprache auch dem populären Vorwurf der Gleichmacherei aus. Für mich steckt gerade darin ein Qualitätsmerkmal: Geschlechtsneutrale Sprache ist offen für jegliche Definition von Geschlecht jenseits von Frau und Mann. Sie klammert sich nicht an die zwei hergebrachten Geschlechtskategorien, sondern lässt darüber hinaus Raum für Vielfalt. Ich sage bewusst „darüber hinaus“ und nicht „dazwischen“. Die zunehmend verbreitete Gender Gap („Leser_innen“, „Leser_Innen“) und das noch wenig bekannte Sternchen („Leser*innen“, „Leser*Innen“) stehen für alle möglichen Formen von Geschlecht, die über das Mann-Frau-Schema hinaus weisen. Ihre Darstellung suggeriert jedoch, dass alle weiteren Geschlechter bloss Mischformen auf einem Kontinuum zwischen den beiden Polen „Mann“ und „Frau“ sind. Insofern verteidigen sie das traditionelle Geschlechtskonzept. Auch dafür gibt es eine Lösung, liebe Les*. Aber können Sie das noch lesen?

Alles viel zu anstrengend?

Geschlechtergerechte Sprache kann ganz schön anstrengend sein, weil sie nicht nur alle Lesenden ausgewogen ansprechen, sondern überdies grammatikalisch korrekt, stilistisch einwandfrei sowie platzsparend sein soll. Oft stellen sich erschwerende Anforderungen an Texte, beispielsweise in der Werbung. Sie braucht knappe, einprägsame, gut rhythmisierte Botschaften auf engem Raum. „Kundinnen und Kunden“ pfuschen in die Ästhetik, „die Kundschaft“ wirkt zu schwülstig und anonym, also werden am Ende doch wieder bloss „die Kunden“ angesprochen. Nichtsdestotrotz fordert uns die geschlechtergerechte Sprache heraus, kreativ zu werden und nach geeigneten Formen zu suchen – wie Daniel Goldstein dies in seiner „Sprachlupe“ augenzwinkernd tut: Sehen Sie selbst, „was die Lesefee dem Schreibaling rät„!

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