Gender in the Blender #3: Metaphysisches Gruseln im Haarsalon

Das schneidet keine Tondeuse weg: Frauen zahlen für ihren Haarschnitt mehr als Männer. Warum nur? Ich sitze mal wieder auf dem Stuhl bei meiner Coiffeurin und habe Zeit, darüber zu sinnieren. Ich habe schon einige Begründungsversuche gehört. Aus der sexistischen Ecke habe ich gerade kürzlich vernommen, Frauen schwatzten einfach mehr als Männer, deshalb dauere der Termin beim Coiffeur oder der Coiffeurin länger. Manche suchen die Ursache etwas sachlicher in den angeblich aufwändigeren Frisuren der Frauen: Dauerwelle, Färben und spezielle Haarschnitte bräuchten nicht nur Zeit, sondern auch Material und Knowhow. Es mag durchaus zutreffen, dass Frauen tendenziell eine anforderungsreichere Haarpracht mit sich herumtragen als Männer und deshalb im Durchschnitt gesehen auch mehr dafür ausgeben. Ich habe mir nur einmal im Leben die Haare bleichen lassen, und das hat eine ganze Stange mehr Geld gekostet als mein üblicher Besuch im Haarsalon. Das erklärt mir aber noch nicht, weshalb im Einzelfall eine Frau für ihren Haarschnitt immer noch mehr bezahlt als ein Mann für den genau gleichen Haarschnitt. Unerklärliches geschieht da im Haarsalon. Auf einmal katapultiert es mich vom Coiffeurinnenstuhl direkt in die Lohngleichheitsdebatte. Von gestutzten Haaren zu gestutzten Löhnen. Ich erschauere. Meine Nackenhaare sträuben sich, ehe sie meine Coiffeurin mit dem Messer niedermäht. Meine fallenden Locken bekommen auf einmal eine gesellschaftspolitische Dimension. Die Parallelen sind frappant: Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer, was sich teilweise ebenfalls erklären lässt, etwa mit Unterschieden in Qualifikation, Funktionsstufe oder Branchenzugehörigkeit. Neben dieser statistisch erklärbaren Komponente der Lohndifferenz verbleibt aber auch hier ein unerklärlicher Anteil. Er zeigt sich dann, wenn eine Frau für gleiche und gleichwertige Arbeit immer noch weniger verdient als ein Mann. Er lässt sich nur auf eines zurück führen: die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Sollte es im Haarschneidegeschäft eine analoge Form der Geschlechtsdiskriminierung geben? (Anders als Mani Matters Figur widerstehe ich dem Reflex, den Salon fluchtartig zu verlassen.)

Frauen sind abhängiger von ihrem Haar als Männer. Dadurch sind sie bereit, mehr zu bezahlen, und sie werden erpressbar: Du willst schön sein? Einverstanden, zu meinen Bedingungen.

Manchmal mutmassen die Leute etwas diffus, Haare schneiden bei Frauen sei grundsätzlich einfach etwas anspruchsvoller als bei Männern. Anders halt. Ich vermute, es handelt sich dabei um eine Wahrnehmungsverzerrung aufgrund klassischer Geschlechtsvorstellungen: Frauen („das schöne Geschlecht“) werden nach wie vor viel stärker über ihre äussere Erscheinung definiert als Männer, daher hat auch ihr Haar im öffentlichen Leben mehr Bedeutung als jenes der Männer. Dies zeigt sich etwa schon daran, dass Frauen viel öfter langes Haar tragen als Männer und es mit Haarschmuck und Knüpftechniken vielseitig inszenieren. Auch die Werbung suggeriert uns: Frauenhaar muss schön sein, auffallen, verführen. Männerhaar muss primär vorhanden sein (keine Glatze), kräftig und gesund („das starke Geschlecht“) und gepflegt (frei von Fett und Schuppen). Für Frauen ist das ein lächerliches Minimalprogramm. Weil ihr Haar einen ästhetisch höheren Stellenwert hat als jenes von Männern, sind auch vergleichbare Haarschnitte bei Frauen bedeutsamer als bei Männern. Wenn etwas für unsere Wahrnehmung wenig Relevanz hat, dann ist es nicht wichtig. Und dann kann auch niemand einen hohen Preis dafür verlangen. Ich denke, es ist dieser Mechanismus, der den Haarschnitt für Frauen teurer macht: Sie sind abhängiger von ihrem Haar als die Männer. Dadurch sind sie bereit, mehr zu bezahlen, und sie werden erpressbar: Du willst schön sein? Einverstanden, zu meinen Bedingungen.

Mein Schnitt kostete mich knapp 60 Franken. Ich fragte sie: „Wenn ich eine Frau wäre, wie viel würde ich für diesen Haarschnitt bezahlen?“ Sie sagte mir: „88 Franken.“ Das heisst, ich bekomme als Mann 30% Geschlechtsrabatt.

Ich habe bereits vor einigen Jahren den Test gemacht, bei meiner Coiffeurin. Mein Schnitt kostete mich knapp 60 Franken. Ich fragte sie: „Wenn ich eine Frau wäre, wie viel würde ich für diesen Haarschnitt bezahlen?“ Sie sagte mir: „88 Franken.“ Das heisst, ich bekomme als Mann 30% Geschlechtsrabatt. Auch meine Coiffeurin konnte mir übrigens nicht erklären, weshalb das so ist. Sie vermutete dahinter einen „alten Zopf“, eine „Tradition“, die niemand infrage stellt. Wird mit überrissenen Preisen bei den Frauen das Geschäft auf Männerseite quersubventioniert? Ich konnte das so nicht stehen lassen und wollte aktiv werden. Aber wie nur? Sollte ich etwa dafür kämpfen, dass Frauen gleich wenig bezahlen müssen wie Männer? Wie viele Haarsalons würde es dann noch geben? Oder haben die sich an den Frauen eine goldene Nase verdient? So auf die Schnelle fiel mir nur eines ein: Aus „Protest“ bezahlte ich den Preis für Frauen. Meine Coiffeurin sah mich erst ungläubig an, dann lachte sie und tippte den Betrag. Seither fliesst jedes Mal meine „Gleichstellungsgebühr“ von rund 30 Franken in die Teamkasse des Haarsalons. Anfangs fragte meine Coiffeurin jeweils nach, ob ich wieder den Frauentarif bezahlen wolle. Irgendwann war es kein Thema mehr. Ist meine Aktion ein erster kleiner Schritt dazu, dass sich die Preise für Frauen und Männer irgendwann angleichen? Wohl eher nicht. Aber es fühlt sich zumindest gerecht an.

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