Vereinbarkeit: von einem unsäglichen Begriff

Alle reden von Vereinbarkeit. Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dass es darum gehe, „alles unter einen Hut zu bringen“. Und ob das überhaupt möglich sei oder nicht. Ich finde  diese Debatte wichtig. Die Begriffe aber, mit denen sie geführt wird, kann ich machmal kaum mehr hören. „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ z.B. ist nicht bloss ein Bandwurm, er schafft es als solcher nicht einmal, seine Bedeutung präzise auszudrücken. Zu den Lebensbereichen, die es zu vereinbaren gilt (was auch immer das heissen möge), zählen nämlich bei breiterer Auslegung beispielsweise auch die Hausarbeit (die gibt’s unabhängig von Familie), die Freizeit und ehrenamtliche Engagements aller Art. Etwas vollständiger –aber begrifflich nicht minder sperrig – erscheint daher das Bild, wenn statt von Familie von unbezahlter Care-Arbeit gesprochen wird. Darunter lassen sich Kinderbetreuung, Hausarbeit, Angehörigenpflege sowie ehrenamtliche Arbeit im Pflege- und Betreuungsbereich subsumieren. Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist noch umfassender, weil damit nicht nur Arbeitstätigkeit erfasst wird. Allerdings stellt sich die Frage, ob „privat“ eine geeignete Kategorie ist: So kann beispielsweise politisches Engagement kaum als privat bezeichnet werden. Die englischen Bezeichnungen Life-Domain-Balance oder Life-Balance schliesslich beziehen alle Lebensbereiche mit ein. (Die Work-Life-Balance gilt als veraltet, weil sie meist nur die bezahlte Arbeit als „Work“ begreift und überdies suggeriert, diese Arbeit sei nicht Teil des Lebens.) Ein Gleichgewicht („Balance“) kann ich mir bildlich vorstellen. Die Vereinbarkeit als Grad dessen, wie gut sich zwei oder mehr Dinge überein bringen lassen, erscheint mir dagegen abstrakt. Häufig ist die Rede von Aktivitäten, die zu vereinbaren sind: Erwerbs-, Haus-, Familien- und Freiwilligenarbeit sowie Freizeitbeschäftigungen. Dabei kann der Eindruck entstehen, Vereinbarkeit sei hauptsächlich ein Problem der Zeit und der Koordination. Die Vorstellung eines Gleichgewichts macht es mir leichter, nebst Aktivitäten auch Zustände zu berücksichtigen, z.B. die finanzielle Lage, die Gesundheit, die Qualität von Beziehungen.

„Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ ist nicht bloss ein Bandwurm, er schafft es als solcher nicht einmal, seine Bedeutung präzise auszudrücken.

Leider ist der Begriff Life-Balance nur auf Individuen, nicht aber auf Institutionen anwendbar: Während bei Firma XY die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als äusserer Rahmen für alle Mitarbeitenden grundsätzlich gut oder schlecht sein kann (aufgrund der betrieblichen Arbeitsbedingungen), ist Life-Balance immer eine individuelle Messgrösse. Menschen haben ein Lebensgleichgewicht oder sind in einem Lebensgleichgewicht. Unternehmen dagegen können ihren Mitarbeitenden nicht eine gute Life-Balance bieten, sie können nur die Voraussetzungen dafür schaffen, indem sie für eine gute Vereinbarkeit der Lebensbereiche sorgen. Life-Balance beschreibt einen individuellen Zustand. Umgekehrt kann ich nicht sagen: Meine Vereinbarkeit ist gut. Menschen haben keine Vereinbarkeit. Vereinbarkeit beschreibt, wie gut zwei oder mehr Lebensbereiche zusammengehen. Sie qualifiziert meine äussere Lebenssituation, nicht mich selbst. Ich kann sagen: Die Vereinbarkeit meiner verschiedenen Lebensbereiche ist gut.

Beide Begriffe, Life-Balance und Vereinbarkeit, bergen ihre Chancen und Risiken. Life-Balance stellt das individuelle Wohlergehen ins Zentrum. Dieser Fokus auf den Einzelmenschen kann allerdings auch dazu führen, die Verantwortung für ein gelungenes Leben ausschliesslich ihm zuzuschreiben: Für das persönliche Gleichgewicht sind dann alle selbst verantwortlich. Das passt zu einem gängigen Muster in der Arbeitswelt, wonach individuelle Probleme (z.B. Burnout) oft einseitig mit individualisierten Ursachen und Lösungen verknüpft werden. Mit Vereinbarkeit lassen sich viel besser strukturelle Fragen stellen: Ob verschiedene Lebensbereiche miteinander vereinbar sind oder nicht, wird gegenwärtig stark als institutionelle und gesellschaftliche Frage diskutiert: Wo bestehen Hindernisse in den Unternehmen? Welche sozialen Werte und Normen spielen eine Rolle? Während dieser Zugang den Einzelmenschen von der alleinigen Verantwortung entlastet, lässt er es auch eher zu, ihn aus dem Blick zu verlieren: Vereinbarkeit wird häufig mit dem Zweck verbunden, die Produktivität der Arbeitskräfte zu erhalten und brach liegendes Humankapital zu erschliessen. Es geht dann nicht mehr darum, wie es den Menschen geht, sondern darum, ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gesamthaft zu fördern. Und das ist etwas ganz anderes.

Während Vereinbarkeit oft sehr technokratisch verwendet wird, läuft Life-Balance vielleicht eher die Gefahr, in die „Soft“-Ecke gestellt zu werden.

Was bleibt also von dieser Begriffsdiskussion? Ob Life-Balance oder Vereinbarkeit, im Zentrum steht immer die Frage, ob Vielfalt möglich ist. Ob Menschen, Organisationen und die Gesellschaft Vielfalt zulassen und davon profitieren. Ich plädiere dafür, dass wir uns von diesem unsäglichen Begriff der Vereinbarkeit verabschieden, denn er verlangt stets danach, mindestens zwei zu vereinbarende Dinge aufzuzählen. Und bleibt dabei meist unpräzise. Während Vereinbarkeit oft sehr technokratisch verwendet wird, läuft Life-Balance vielleicht eher die Gefahr, in die „Soft“-Ecke gestellt zu werden. Dennoch glaube ich, dass der Gleichgewichtsgedanke in Life-Balance besser zum Ausdruck bringt, worum es letztlich geht: Um eine Ausgewogenheit, die alle gewinnen lässt.

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