It’s the economy, stupid! Is it?

Meine Arbeit ist, so scheint es, ein einziger Interessenkonflikt. Ich stehe ein für Vielfalt und Chancengleichheit. Der Antrieb von Unternehmen ist wirtschaftliches Gedeihen. Vereinfacht gesagt: Bei mir geht es um den Menschen, bei Kundinnen und Kunden um die Sache. Bei mir zählt die Stimmung, bei ihnen müssen die Zahlen stimmen. Ein kleiner Zielkonflikt. Denn gute Stimmung kann einiges kosten. Und Unternehmerinnen und Unternehmer bemessen den Erfolg eines Projektes danach, mit wie viel Return on Investment sie dabei rechnen können. Von einer Organisationsentwicklerin habe ich gelernt: Du darfst nie eine Organisation um die Bedürfnisse der Mitarbeitenden herum bauen. Die Hauptfrage lautet immer: Was braucht die Organisation? In Gesprächen begegne ich dieser Haltung immer wieder. Viele Menschen aus meiner Branche erachten es als einigermassen naiv, ökonomische Kriterien nicht ganz obenan zu stellen.

Alles Win-Win?
Vielleicht rettet mich ja das Win-Win-Prinzip. Wenn sich ein Unternehmen z.B. für Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzt, ist ein direkter geschäftlicher Nutzen zu erwarten: besseres Image, geringere Fehlzeiten, tiefere Fluktuation, höhere Leistung der Mitarbeitenden, Vorteil auf dem Arbeitsmarkt, mehr Knowhow durch Vielfalt. Gelingt es mir also, meine „weichen“ Anliegen mit einem „harten“ Nutzen zu untermauern, steigen die Chancen auf eine Zusammenarbeit. Um erfolgreich zu sein, muss ich also primär die Sprache der Wirtschaft sprechen. Viele gemeinnützige Organisationen stehen so für ihre gesellschaftlichen und ökologischen Überzeugungen ein und bewegen Unternehmen zugleich dazu, mit ihnen zu kooperieren und Massnahmen umzusetzen. (Die Soziologin Lucia Lanfranconi bezeichnet den Sachverhalt in ihrer Dissertation als Wirtschaftsnutzendiskurs.) Ich begegne dieser argumentativen Strategie häufig, und ich habe sie auch lange selbst vertreten. Die tatsächlichen Ziele wie etwa soziale Gerechtigkeit, Übereinstimmung mit dem Gesetz oder Umweltschutz erscheinen dabei allerdings nicht mehr als hinreichend und geraten mitunter in die etwas zweifelhafte Rolle einer versteckten Agenda. Noch immer findet sich der Verweis auf den ökonomischen Nutzen auch in meinem Angebot, obwohl ich versuche, die Menschen und die gesellschaftliche Nachhaltigkeit ins Zentrum zu stellen.

Fertig Win-Win
Lanfranconi zeigt mit ihrer Forschung, dass Unternehmen Massnahmen selektiv nach dem grössten wirtschaftlichen Nutzen auswählen und umsetzen. Bestenfalls dient das auch den gesellschaftlichen Zielen eines Projekts, oftmals aber nur unzureichend, und es kann ihnen sogar Schaden. Die verbreitete Auffassung, dass wirtschaftlicher auch gesellschaftlichen Nutzen mit sich bringt, erinnert mich etwas unangenehm an den längst widerlegten Trickle-Down-Effekt in der Entwicklungszusammenarbeit. Nicht immer heiligt der Zweck die Mittel, weil die gewählten Mittel den Zweck zuweilen gar nicht erfüllen. Für mich stellt sich darüber hinaus auch die Frage nach der eigenen Integrität und Glaubwürdigkeit. Warum beispielsweise sollte ich den Unternehmen die Lohngleichheit als Chance verkaufen, das Potenzial der Frauen anzuzapfen? Wo doch gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit ohnehin eine gesetzliche Vorschrift und damit von allen einzuhalten ist. Und zwar unabhängig davon, ob es wirtschaftlich nützt oder Kosten verursacht. Weil es ganz einfach um Gerechtigkeit geht.
Das war’s dann also mit dem rettenden Win-Win. Doch was bleibt mir anderes übrig, als so zu argumentieren? Gehört es zum Business für Meinesgleichen, die eigene Seele zu verkaufen? Oder zumindest so zu tun als ob?

Win-Win-Win!
Bereits heute zeigen Firmen, dass es auch ganz anders geht. Dass sich nicht alles um den wirtschaftlichen Profit drehen muss. Dass menschliche und ökologische Werte an und für sich eine Berechtigung haben, unabhängig von ihrem wirtschaftlichen Nutzen. Dass ökonomische, gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit zugleich möglich sind – und dass dabei die betriebswirtschaftliche Perspektive sogar „in die zweite Reihe“ rücken kann. Zum Beispiel bei Upstalsboom.

It’s not only the economy.

 

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