Gender in the Blender #1: Der Scandi Chic

In der Rubrik Gender in the Blender sammle ich meine persönlichen Geschlechter-Absurditäten aus dem Alltag und schüttle sie ordentlich durch. Ich bin immer wieder erstaunt, wie hartnäckig sich tatsächliche oder auch bloss unterstellte Unterschiede von Frauen und Männern in der Gesellschaft behaupten. Und ich wundere mich, wie emsig wir alle dazu beitragen, diese Unterschiede laufend zu erneuern und zu erhalten. Die Vorstellung, dass die Geschlechtergrenzen verwischen könnten, scheint die meisten Menschen zu bedrohen. Wie zum Beispiel ein Artikel im Tagesanzeiger zu skandinavischer Mode exemplarisch zeigt. Hier ein Auszug davon:

„Der Scandi Chic definiert Weiblichkeit neu. Dass das so überzeugend gelingt, hat abgesehen von einem nationalen Gespür für Ästhetik vielleicht auch damit zu tun, dass im Norden die Geschlechter einen entspannteren und egalitäreren Umgang pflegen, damit, dass dieses Frauen-Männer-Ding dort schon längst kein Ding mehr ist. Deshalb gehören maskuline Elemente wie Männerhosen als fixe Bestandteile zur weiblichen Garderobe – und lassen die Frauen umwerfend feminin wirken.“

Mal abgesehen davon, dass das „nationale Gespür für Ästhetik“ den Ethnologen in mir leicht erschauern lässt (Haben wir in der Schweiz vielleicht auch ein nationales Gespür, z.B. für Käse?), geht für mich vor allem etwas anderes nicht auf: Die Sache mit dem „Frauen-Männer-Ding“. Aus dem Text zu schliessen steht dieses „Ding“ für ein angespanntes, hierarchisches Geschlechterverhältnis, das auf einer strengen gegenseitigen Abgrenzung von Frauen und Männern fusst. Dieses „Ding“ ist also im Norden kein Ding mehr. Frauen können deshalb problemlos Männerhosen anziehen. (Wobei offen bleibt, was die Männerhosen denn genau ausmacht.) Da frohlockt mein Gleichstellungsherz: Es lebe die Vielfalt, endlich ist Kleidung nicht mehr geschlechtsspezifisch geprägt! Doch zu früh gefreut: Männerhosen sind zwar jetzt nicht mehr nur Hosen für Männer, sondern auch Hosen für Frauen. Aber sie bleiben Männerhosen, und damit die Frauen auch richtige Frauen bleiben, wenn sie solche Hosen anziehen, müssen sie darin unbedingt „umwerfend feminin wirken“. Kaum hat die Autorin also an der traditionellen Geschlechtertrennung in der Mode geritzt, versichert sie sich der bestehenden Verhältnisse: Das Maskuline sei der Frau erlaubt, denn – hey! – es unterstreicht sogar ihre Weiblichkeit! Da frage ich mich, wie das denn gehen soll. Wie würde denn im umgekehrten Fall ein Sommerkleid meine Männlichkeit unterstreichen? Würde es nicht vor allem sehr feminin wirken? Und was wäre denn daran nicht ok? (Gewiss laufen haufenweise skandinavische Männer in Röcken herum, oder etwa nicht?)

Offenbar müssen für die Autorin Frauen weiblich und Männer männlich bleiben. Die Attribute dürfen sich auf keinen Fall vermischen. „Männerkleidung“ macht Frauen daher nicht maskuliner, sondern „definiert Weiblichkeit neu“. Zwar ändern sich hier die Vorzeichen dessen, was als weiblich gilt, die Frau bleibt aber exklusiv an ihre Weiblichkeit gebunden. Dies in klarer Abgrenzung zur Männlichkeit, die ausschliesslich dem Mann zuzuschreiben ist. Von wegen entspannt und egalitär. Das „Ding“ bleibt an seinem Platz. Auch im Norden.

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